Nach der Sause

muss man aufräumen. So ähnlich dämmerte es uns, als wir einerseits Berichterstattung vorfanden, wo wir gleich zum Interventionsgerät (Telefon) greifen wollten. Andererseits gab es auch Berichterstattung, wo man gleich fragte, ob man nicht noch eine Runde Bier zum Anstoßen besorgen wolle. Und es gab nicht wenig Kommentare unter den Artikeln, wo Tisch und Kopf heftige Bekanntschaft gemacht haben. Der Kampf um die Deutungshoheit ist etwas, das nicht unterschätzt werden darf. Eine Sprecherin musste sich nach der Demo sogar mit einem anwaltlichen Schreiben auseinandersetzen, in dem ihr Verleumdung unterstellt und ein Ablasshandel (rund 500,-€) sehr eindringlich angetragen wurde.

Mittlerweile ist fast ein Monat vergangen und manchmal fragen wir uns, wie man das alles einsammeln soll, was angestoßen wurde. Und was man alles als erstes machen sollte. Zum Glück ist die allererste Sache unstrittig, und soll – bei aller Überfälligkeit – hier nun doch noch mal klar geäußert werden:

All den Menschen, die an diesem Tag an dieser Demo teilgenommen haben: Danke! Das war großartig!

Wahrscheinlich alle, die auf der Demo waren, hatten dieses tolle Gefühl: „Ui, das sind jetzt aber mehr geworden“! Schon als etwa zwei Drittel der Menschen vom Augustusplatz in die Grimmaische Straße eingebogen waren, antworteten die dort stehenden Polizisten auf unsere Frage, dass sie „zählen und gerade bei ungefähr 600“ seien. Zu diesen insgesamt also etwa 900 Menschen waren nach rund halber Strecke (Kundgebung Wintergartenstraße) bereits so viele hinzugekommen, dass die Initiative „Durchgezählt“ auf 1100 bis 1200 kam.

Spätestens als wir in den Rabet einzogen, waren viele von uns nur noch vom Augenblick gefangen. Einer der Initiatoren, der eigentlich für Twitter zuständig war, belud sich statt dessen im nebenan befindlichen Aldimarkt völlig mit Eis und verteilte dieses in der Menge. Alle, die mit Kindern teilnahmen, waren von diesen schon am Parkeingang auf dem Spielplatz festgesetzt worden (und haben auch noch was bekommen). Die Redebeiträge waren großartig, dank des openMic traten unvermutete wichtige Dinge zutage. Das Wetter war ein Traum, es herrschte beinahe Festivalatmosphäre und allen war bereits klar, dass diese Demo ein Erfolg ist und einfach richtig läuft.

 

„[…] Endlich hab ich nicht mehr das Gefühl,
dass man die Finger von der Weltrevolution lassen muss“.

               Ein ganz und garnicht überzogenes Zitat aus dem internen Orga-Chat

Alle, die vor, während, und nach der Demo zu ihrem Gelingen beigetragen haben, seien hiermit umarmt! Es hat Kraft gekostet, die verschiedenen Auffassungen und Herangehensweisen so zusammenzubringen, dass diese Demo entstehen konnte. Und nicht wenige hatten Momente (oder auch länger andauernde Phasen ;-), wo sie über sich hinausgewachsen sind. Gerade dort, wo neben Beruf, Studium oder Elternschaft (auch allem zusammen!) zusätzlich Verantwortung übernommen wurde, kann der Dank kaum groß genug ausfallen.

Aber wir haben nicht nur groß- sondern auch ganz verschiedenartige Unterstützung von sehr vielen Seiten erfahren. Und selbst bei den „kleinen“ Aufgaben, oder denen, um die normalerweise keiner beneidet wird, haben sich Menschen gefunden, die sich der Sache auf eine Weise annehmen, dass sie zu etwas ganz Schönem und Wichtigem wird. Diese Hingabe und nicht selten Euphorie zieht sich wie ein roter Faden durch alle Bereiche und Zeiträume der Veranstaltung und war (und ist!) sehr sichtbar. Dass alles so gut geklappt hat – gerade in der Kürze der Zeit – ist ungewöhnlich und absolut großartig. Es macht ganz viel Zuversicht für alles Kommende.

 

Alles für alle

Wir stehen auf den Schultern von Riesen. Es sei an dieser Stelle aber nicht nur auf die #mietenwahnsinn-Demos in anderen Bundesländern verwiesen. Und selbst das großartige Netzwerk „Stadt für alle“ soll, obwohl die Demo sich als Auftaktveranstaltung für deren viertes Bundesforum begreifen durfte, nicht der Überbegriff dieses dritten Dankes sein. Vielmehr richtet er sich an eine nicht-institutionelle Bewegung (in der Hoffnung, dass sich das nicht ausschließt; irgendwas subversives jedenfalls): Gemeint sind jene Menschen, die sich spät abends noch durch Texte quälen, um einer Baubürgermeisterin gewachsen zu sein. Oder zum Beispiel am Stadtteilverein teilnehmen, statt ins Kino zu gehen. Jene, die ihre Laufbahn auf der Stolperstraße der Bekämpfung der Gentrifizierung und des Neoliberalismus aufs Spiel setzen. Jene, die sich überwinden, die sich schlau machen, die solidarisch sind, die netzwerken und mobilisieren. All jene, die sich im wahrsten Sinn nicht zufrieden geben wollen.

Ohne sie hätten nicht nur diese Demonstrationen keinen Sinn. Ohne Opposition zur Herrschenden Klasse hätte es nichtmal Sinn, überhaupt etwas anderes zu wollen, als ebenfalls zu herrschen. Wir danken allen, die uneigennützig denken und handeln, die Empathie hochhalten, die um- und vorsichtig sind. Wir danken allen, die nachdenklich sind und die sich Liebe und Freiheit nicht nur für sich selbst wünschen.

 

In Erinnerung an diesen schönen, guten und gemeinsamen Tag

Leipzig für alle

 

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