Für Wohnen, das auch Leben ist

Text eines betroffenen Mieters und Mitinitiatoren

„Warum so eine Demo? Es gibt doch sogar ein „Recht auf Wohnen“, oder?

Ja. Wenn du es schaffst, deine Miete zu bezahlen. Wenn du es schaffst, überhaupt eine geeignete Wohnung zu finden. Dann darfst du darin wohnen.

Das heißt aber noch lange nicht, dass es deinen Vermieter, den Eigentümer oder die Stadt interessiert, ob

• du etwas tust, das dich, deinen Stadtteil und die Menschen dort verbindet
• du mit dem Stadtteil seit Jahren verwachsen bist und er Teil deiner Identität ist
• deine Kinder hier zur Schule oder Kita gehen oder du hier Arbeit hast

In all diesen sehr wichtigen Dingen wirst du sehr beeinträchtigt, wenn du die erhöhte Miete nicht mehr zahlen kannst. Dass deine Miete steigen wird ist absehbar, wenn dein Stadtteil gezielt und mit Investitionen „aufgehübscht“ wird. Was wie eine Drohung klingt, ist ein tolles Geschäftsmodell. Und obwohl es eigentlich Erpressung oder Wegelagerei heißen müsste, da man ja nicht daran vorbeikommt, nennt es sich „Aufwertung“.

Von der Stadt wird die Infrastruktur aufgewertet: Straßen, Radwege, verkehrsberuhigte Zonen, Spielplätze, Erholungsorte und Grünflächen werden gebaut oder saniert. Wenn diese Maßnahmen allen Menschen zugute kämen, wäre das auch gut so.

Wie nach Drehbuch erwerben nun aber Investoren Häuser und werten sie auf: Öfen raus und Heizanlage rein, Videogegensprechanlagen, frei hängende Toiletten und Handtuchtrockner am meterhohen Fliesenspiegel, Wasserrohre aus Edelstahl, Gipskartonplatten und Rauhfaser.

In der Folge steigen die Mieten. Das klingt normal, ist aber perfide: Diese „Aufwertung“ bedeutet nämlich, dass Menschen, die diese Mieten nicht zahlen können, automatisch „abgewertet“ werden und ihren Stadtteil verlassen müssen.

Unser Einkommen wird kaum höher, weil wir beide sozialverträglich arbeiten und dadurch nicht viel verdienen. Schlimm genug.

Aber unsere Wohnung in der Karl-Heine-Straße stand in einem Verhältnis zu dem, was wir erwirtschaften können. Kohlen schleppen, Gerüche und Lärm ertragen oder Wasserrohrbrüche abwenden nahmen wir in Kauf. Dafür, dass wir in dem Stadtteil leben können, in dem unser Sozialleben passiert und in dem ich schon als Kind rumgestromert bin.

Nun soll die Wohnung aufgewertet werden. Aber nicht für uns. Denn weder brauchen wir Fensterbänke aus Naturstein oder Videogegensprechen an der Haustür, noch eine Renovierung der Wohnung, die wir als „Modernisierung“ zu solchen Anteilen selbst mittragen sollen, dass wir sie schlicht nicht mehr bezahlen können.
Mal ganz abgesehen davon, dass die Wohnung so umgekrempelt werden soll, dass sie nie wieder wirklich unsere sein könnte.

A. Lange

 

Das ist Vertreibung und zerstört unsere Gesellschaft. Statt uns miteinander leben, gegenseitig helfen und gemeinsam etwas schaffen zu lassen, werden wir nach dem Motto „Kasse gleich Klasse“ separiert. So wie ein Bauer die Zuchtbullen auf der Messe ausstellt und die wertlosen Exemplare möglichst los wird. Wir sind aber Menschen! Dieses Verfahren ist absolut unwürdig!

Warum ist die Stadt nicht offen für Millieuschutzgesetze, Erhaltungssatzungen, Stadtteilbebauungspläne oder ähnliche Regelungen (die es in anderen Städten durchaus gibt) mit dem Ziel, dass ein Stadtteil gesund bleibt, weil er menschlich lebendig und durchmischt ist?

Kurz: Warum wird von der Stadt nicht sichergestellt, dass…

• alle Schichten und Generationen an einem Ort Wohnung finden?
• sich miteinander entfalten und gemeinsam leben können?
• kurze Wege zueinander haben und sich gegenseitig unterstützen können?
• sich mit ihrem Wohnort identifizieren können?
• Dem jeweiligen Stadtteil ein menschliches Antlitz geben?

Die Antwort ist (zu) einfach: Es entspricht nicht dem Prinzip des kapitalistischen Wohnungsmarktes. Der Bedarf ist da und die Immobilienwirtschaft baut, wo es geht und nimmt so hohe Mieten, wie es geht. Die Stadt hingegen scheint unfähig, die eigene Fläche selbst zu entwickeln und überträgt diese Aufgabe somit implizit der Wirtschaft.

Das ist nicht nur wegen der unterschiedlichen Auffassungen und Ziele fatal: Die Immobilienwirtschaft wird sogar zum eigentlichen Ansprechpartner für städtebauliche und somit menschliche Belange. Barrierefreie Zugänge für öffentliche Verkehrsmittel werden oft nur dort gebaut, wo sie gesponsert werden. Und das passiert eben eher dort, wo es sich wirtschaftlich lohnt. Sogar ob, wann und wo Schulen gebaut werden, hängt vom Eigentümer des Grundstückes ab ¹. Und Grundstücke verkauft die Stadt leider gern und ohne viel zu prüfen ².

Die Chance, dem vielbeschworenen „historischen“ Leipzig einen guten Start in ein neues Jahrtausend zu geben, wird ohne Not vertan. Vielleicht aus der Angst heraus, Fehler zu machen, gibt die Stadt jeden gestalterischen Willen auf. Sie sieht dabei zu, wie sie selbst zur reinen Verwaltung degradiert wird. Sie scheint noch stolz darauf zu sein, wenn sie die letzten Ecken, an denen sich ein Investor stoßen könnte, für ihn abschleifen darf.

Somit verhält sie sich in krassem Gegensatz zu den freiheitlichen, kreativen und fortschrittlichen Werten, die sie gern repräsentieren möchte. Für mich verliert die Stadt dadurch ihren Stolz.

Ich als langjähriger Bewohner dieser Stadt möchte mir meinen Stolz bewahren. Dazu gehört jetzt, dass ich die Stadt darauf hinweise, dass sie falsch agiert. Die Demo am 04.04. gibt auch mir persönlich dazu Gelegenheit. Im Sinne einer differenzierten Debatte soll diese Demo aber vielen verschiedenen Menschen ein Sprachrohr bieten. Ich freue mich, wenn möglichst viele sich dazu eingeladen fühlen und davon Gebrauch machen.

 

A. Lange

 

 

¹ Es wird nun gebaut in Kleinzschocher, aber nicht ohne dass sich die Stadtbau AG mittels eines Tricks daran bereichern konnte: http://www.lvz.de/Leipzig/Lokales/Leipziger-Liegenschaftsamt-versagt-beim-Ankauf-von-wichtiger-Schulbau-Flaeche

² Nur die Spitze des Eisberges (LWB). Insbesondere der Punkt 2.3 in der Mitte des Dokumentes liest sich sehr unterhaltsam:
http://www.rechnungshof.sachsen.de/jb2009/jb09-46.pdf

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